Verzweiflung.

Im Ö1 Mittagsjournal wurde ich eben gefragt, was man KONKRET für die Musikwirtschaft tun könnte – und ich habe lapidar gesagt: „Die bestehenden Regeln sind auf unsere Industrie einfach nicht anwendbar. Es müsste einfacher, schneller, leichter, direkter Geld geben.“

In der recht kurzen Schaltung war es leider nicht möglich, en detail darauf einzugehen, warum etwa der Härtefallfonds so unzureichend für die Musikwirtschaft ist. Let me explain:

Musiker*innen sind selbständig. Es gibt keinen Gewerbeschein, es fehlt eine echte „Lobby“. Sie müssen sich selbst sozialversichern, haben keinen geregelten Urlaub, sind Unternehmer. Die Umstände ihrer Berufsausübung sind sehr verschieden. Gemein ist den meisten, dass sie sich „irgendwie durchschlagen“. Gelegenheitsarbeiten hier, kleine Aufträge da; mal zwischendurch jobben oder geringfügig angestellt das und jenes machen – damit sie sich ihre Musik überhaupt leisten können.

Nur wenigen ist das Privileg vergönnt, tatsächlich in der finanziellen Sicherheit vergleichbar mit der eines gewöhnlichen Angestellten zu baden. Man ist einigermaßen gewohnt, dass das Einkommen unstet und wenig ist. Meistens so wenig, dass man sich irgendwo an der Armutsgrenze entlang durchschlägt.

Gute Jahre sind keine Garantie für die Zukunft. Meistens sind die Zyklen von Bands mehrjährig und so (klassischerweise Produktion – Album – Promotion – Tournee – Pause – und von vorne), dass sich Phasen der Investition mit Phasen der überdurchschnittlichen Einkommen abwechseln (wie im Übrigen analog auch wir als Label/Management/Verlag). Das ist vor allem steuerlich und sozialversicherungsseitig ein steter Alptraum.

Und das Härtefallfonds-Prinzip „Fixkostenersatz“ greift in so einem Modell natürlich nicht. „Habe von der Hand in den Mund“ gelebt kommt dort ebenso wenig vor wie „habe 10.000 Euro in den Start eines neuen Zyklus investiert“. Stell dir vor du baust eine spektakuläre Domino-Day-Landschaft in eine große Halle, hast nächtelang geschuftet und vom Gelingen hängt dein Einkommen der nächsten drei Jahre ab. Du bist kurz vor dem Fertigwerden, als plötzlich die Katze des Nachbarn durch die Halle zu sausen beginnt.

Jede Band (wie auch wir) ist ein Investitionsbetrieb, ein Risk Taker; Forscher und Entwickler, Erfinder. Das Nutzen dieser Erfindungen wird jetzt situationsbedingt verunmöglicht: Das Publikum ist der Treibstoff zu alledem. In praktisch jeder Strategie drehen sich sämtliche Elemente um das Live-Erlebnis – denn dort ist am Nachhaltigsten ein Effekt auszulösen und ja, auch Geld zu verdienen. Es ist hartes Brot, dass wieder mit Investitionen und Risiko (auch wiederum von uns) gestützt werden muss – ohne Gewissheit, ob es sich jetzt besser, anders oder leichter ausgeht.

Man schneidet der Musikwirtschaft nicht die Hand ab, sondern den Körper – die Hand bleibt übrig. Denn die Folge mangelnder Investitionen sollte jedem wirtschaftlich denkenden Menschen klar sein: Es löst eine ganze Kette an Reaktionen aus – Management, Lokalitäten, Gastronomie, Tourismus; Ton- und Lichttechnik… you name it.

Dazu wird das jahrelang mühsam erkämpfte und aufgebaute Know-How in der umgebenden Infrastruktur aufs Spiel gesetzt, denn viele werden die Musikwirtschaft notgedrungen verlassen müssen. Ohne großzügige finanzielle Unterstützung wirft uns diese Geschichte gut 20 Jahre zurück.

Dabei waren gerade in den letzten Jahren durch die ganze mühsame Aufbauarbeit Berufszweige entstanden, die vor 10, 15 Jahren als ernsthaftes Berufsbild denkunmöglich waren: Tourmanager, Busverleiher, hochprofessionelle, international gefragte Produzenten, Ton- und Lichttechniker und so weiter. In Österreich sind rund 200.000 Leute in diesem Umfeld tätig. Der blühende Lehrgang Musikwirtschaft hat knapp 100 Alumni, von denen viele selbst Unternehmen gründeten oder bei wachsenden solchen untergekommen sind.

Wie im Journal heute werde ich viel gefragt:
Was kann man denn tun?
Nun:

1) Die Quelle finanziell absichern. Zum Beispiel, indem man den Musiker*innen die Ausfälle auf ihre gemittelten Jahreseinkommen der letzten Jahre ausgleicht.

2) Die Infrastruktur schützen. Zum Beispiel, indem man die Abhängigkeit von Einkommen von Künstler*innen (Agenturen) stützt oder auffängt, da sie ihrer Einkommensgrundlage entzogen wurden. Zum Beispiel, indem man Veranstaltungslokale von WUK bis Chelsea und von Spielboden Dornbirn bis Cselley Mühle strukturell und nachhaltig stützt und so auch für die Zukunft erhält.

3) Die Zukunft mitdenken. Zum Beispiel indem man gerade jetzt intensiv und nachhaltig auf massiv verstärkte Professionalisierung, Ausbildung, Vernetzung, Produktion und Vermarktung setzt. Nur so kann man die Schockstarre für ein „danach“ verkürzen. Tut man es nicht, sind wir auf Jahre hinaus gelähmt.

4) Modelle für Investitionskapital schaffen, wie man es etwa aus der Startup-Welt kennt. Damit man Musik endlich auch als wirtschaftlich relevantes Gut erkennt, an dem in vielen Etappen sehr, sehr viele Arbeitsplätze hängen. (Wir sprechen hier von rund 9 Mrd. € Wertschöpfung, die am Event-Zweig alleine hängen – das ist nicht nichts.)

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