„Öffnungen“

Ich möchte die scheinbare Euphorie ja nicht unnötig bremsen, aber wie auch immer man dazu stehen mag: Die per 19. Mai in Kraft tretenden Bestimmungen sind alles andere als ein „Comeback der Kultur“.
 
Auf einer symbolischen Ebene ist es natürlich schön, wenn wieder Musiker*innen auf einer Bühne stehen können. Ich freue mich auch darauf. Aber wir sind von Normalität so weit entfernt wie vom Beginn der Pandemie. Am Freitag etwa gastieren Sharktank im WUK. Die Veranstaltung ist ausverkauft – allerdings bei knapp einem Viertel (!) der üblichen Kapazität – mehr geht wegen der (eh vernünftigen) Regelungen nicht. Die Kosten für so eine Veranstaltung sind hingegen durch die Präventionsmaßnahmen – von sonst nicht nötigen Sitzplätzen bis zu den individuellen Tests – auf allen Seiten höher als normalerweise.
 
Die Veranstaltung wurde bereits mehrfach verschoben – was einen erheblichen Mehraufwand mit sich bringt; von den Nerven ganz zu schweigen – hier haben mehrere Menschen mehrfach mal so völlig ins Leere gearbeitet. Strategien, Einbinden in Kommunikationspläne und übliche Marktdynamiken kann man sich abschminken. Die Wirkung eines solchen Konzertes hat so nur den Bruchteil der Wirkung einer Show zu normalen Zeiten. Eine Tournee, die durch zeitliche und kommunikative Synergieeffekte das Spielen von Konzerten für Musiker*innen und Agenturen überhaupt erst attraktiv macht, ist aktuell weiterhin weder planbar noch sinnvoll durchführbar.
 
Dazu sind die normalerweise eingepreisten Nebenwirkungen für alle Beteiligten deutlich geringer: Nicht etwa nur die Stimmung ist anders, wenn man mit Abständen und Masken im WUK sitzt: Die Gastronomie, der Merchandise-Umsatz, die entstehenden Tantiemen; der „Mundpropaganda“-Effekt sind alle ebenso nur ein Bruchteil und das Meiste davon selbst vom zitierten Viertel der Kapazität weit entfernt.
 
Also lassen wir die Kirche im Dorf. Die existenzielle Bedrohung der Musikschaffenden in diesem Land und die außergewöhnliche Belastung der Veranstaltungshäuser werden durch die „Öffnungen“ keineswegs verschwinden. Sie werden noch nicht einmal gemildert. Sie werden im schlimmsten Fall sogar verschärft, weil man uns/ihnen jetzt vormacht, man könne ja jetzt „eh wieder veranstalten“.
 
Niemand kann von uns erwarten, dass alles nervlich, gesundheitlich und ökonomisch anderthalb Jahre einfach auszuhalten und dann generös mit Mosaiksteinchen zufrieden zu sein. Auch wenn ein Bissen Brot nach langem Nahrungsentzug super ist: Den Hunger stillt er nicht.
 
Diese „Phase“ wird vermutlich jetzt lange dauern; die meisten Prognosen gehen davon aus, dass wohl auch der Herbst und Winter nicht ganz ohne Masken, Abstand und Sitzpflicht vonstatten gehen wird können. „Normalität“ ist anders. Und alternative ökonomische Modelle sind schwer vorstellbar und noch schwerer umsetzbar.
 
Abseits von Durchimpfungsprozenten, abgesehen vom nicht zu leugnenden, kapitalen, gesellschaftlichen und politischen Versagen im Eindämmen dieser Pandemie, make no mistake: Das ist kein „Comeback der Kultur“, das ist ein potemkinsches Dorf, hinter dessen Fassade die Kulturnation nach wie vor vor die Hunde zu gehen droht.

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