Trügerisches Plus.

Die IFPI Austria hat heute ihren Jahresbericht für 2020 präsentiert: Der österreichische Musikmarkt wächst dank Streaming und holt langsam die Verluste von 2000-2015 auf – wir sind damit jetzt am Stand der frühen 90er (!). Das Wachstum ist vor allem eines für die großen Labels mit ihren gigantischen Katalogen. Bei 13 Mrd. gestreamter Songs in Ö/Jahr (!) kommt in Summe auch bei kleinen Payouts pro Stream was rum.

Schattenseite: Für unabhängige Künstler:innen und Einzelkämpfer ist der Markt trotzdem viel zu klein. Österreichische Musik hat es immer schwerer, sich im global-digitalen Wettbewerb zu behaupten. Das ist problematisch. Österreich als mittelgroßer Markt hat keine eigenen Büros oder Editorial Teams bei Spotify, Amazon, Apple oder Deezer und ist kraft Größe nur Nebenschauplatz für die Treiber des Wachstums. Die „Editorials“ spielen als Gatekeeper aber eine immens große Rolle.

Kommt man hierzulande auf, sagen wir, 10.000 Streams für einen Song, ist das aus eigener Kraft schon nicht nichts – das entspricht aber nur ~30 Euro. Ohne hebelnde Editorials oder bedingungsloser internationaler Ausrichtung kommt man so niemals auf die nötige Flughöhe, um die entstandenen Kosten zu rechtfertigen (geschweige denn Geld zu verdienen).

Ein Song, der international viel gehört wird, wird dann auch viel vom Algorithmus vorgeschlagen, viel in Playlisten aufgenommen etc. – im besten Fall entsteht ein Flow, von dem man dann durchaus auch mal lange okay verdienen kann – so geschehen etwa bei „Washed Up“ von Sharktank aus 2020: Viel kleinteilige Radioarbeit in EU/US, zunächst kein Editorial-Support; aber seit Beginn pro Monat immer mehr Hörer als davor. Das ist dem Streamingdienst nach viel Anklopfen dann irgendwann auch aufgefallen: Mittlerweile in diversen „Legacy“-Playlisten von Spotify, hält der Titel bei 3,5M Plays und bekommt im Wochenrhythmus zirka 100.000 dazu.

Damit das klappt, braucht es aber nicht nur fantastische Songs (die gäbe es hierzulande durchaus in guter Menge), sondern auch Know-How, Netzwerk und – natürlich – klug eingesetztes Geld. Die Investitions- und Fallhöhe und damit das Risiko ist mittlerweile enorm – aber von nix kommt nix. Nicht zuletzt durch die Pandemie fehlt es bei kleinen Labels und Künstler:innen erst Recht an potentiellem „Investitionskapital“ – was einen von mir schon oft zitierten Teufelskreis auslöst.

Daher habe ich heute bei der IFPI-Jahrespressekonferenz eine deutliche Erhöhung der Förderungen im Musikbereich gefordert, um das offenkundige Potential der Musikschaffenden auch tatsächlich entfalten zu können. Insbesondere in den Bereichen Ausbildung, Vermarktung und Export fehlen nach wie vor die Mittel, um sinnvolle Fortschritte erzielen zu können, die auch mittel- bis langfristig Auswirkung auf die lokale Musikwirtschaft und damit das Kulturbild Österreichs haben.

Es kann nicht sein, dass eine Hollywood-Produktion für ein paar Tage in Wien vom Bund mehr Fördergelder erhält, als der gesamte österreichische Musikmarkt für sein wichtigstes Förderinstrument, den Österreichischen Musikfonds.

Die LSG als Sammelbecken der Produzierenden und Interpret:innen hat 2020 ein Förderprogramm mit einem Gesamtvolumen von >1M aufgesetzt, um Labels insbesondere während der Pandemie infrastrukturell auch nachhaltig zu unterstützen. Der Musikfonds, als Public-Private-Partnership aufgesetzt, erhält derzeit gerade einmal 1M vom Bund (bei einem Gesamtbudget von zuletzt 1,6M) und ist damit immer noch chronisch unterdotiert, um die Ansprüche auch nur irgendwie erfüllen zu können.

Damit droht der gefühlte Aufschwung der letzten Jahre in sich zusammenzubrechen und das kreative Kapital auszutrocknen. Auch das angerissene Szenario ist nur eine lose angerissene Problembeschreibung eines unglaublich komplexen Feldes. Ohne deutlich mehr Hilfe wird es nach der Pandemie noch schwieriger bis unmöglich, jene Aufmerksamkeit auf die Kreativen zu lenken, die sie brauchen, um von ihrem Beruf auch leben zu können.

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