Wir denken Musik vom falschen Ende.

Diese Woche hatte es in sich. Ich war auf Einladung der EU-Kommission in Brüssel , um bei der von ihr ausgerichteten Musik-Konferenz die zentrale Session zum Thema Streaming-Ökonomie zu leiten. Es war eine große Ehre und Herausforderung, inmitten hochrangiger Vertreter:innen aus Politik und Musikwirtschaft komplexe Dinge auf einen für sie alle verständlichen Punkt zu bringen.

Abgesehen vom konkreten Verlauf dieser Debatte hat sich den ganzen Tag über gerade auf dieser höchsten Ebene aber vor allem ein Bild bestätigt, dass schon lange in mir brodelt: Wir denken und diskutieren Musik vom völlig falschen Ende.

Die (politische, aber auch prinzipiell menschliche) Logik lebt von klaren Linien zwischen Ursache und Wirkung, von Zuordnungen und Schubladen. So ist „Musik“ instinktiv im politischen Gefüge den Kulturressorts zugeordnet. In Brüssel waren folgerichtig scharenweise Vertreter:innen der nationalen Kulturministerien anwesend. Der größere Kontext war dann auch das EU-Förderprogramm „Music Moves Europe“, das sich aus einem Topf namens „Creative Europe“ aus Kulturgeldern speist.

Kultur aber spielt, wenn überhaupt, gerade gegenwärtig eher die zweite Geige in der Verteilung großer Gelder innerhalb der EU-Budgets. Wenn sie denn überhaupt als Instrument wahr genommen wird. Nur 0,2% des EU-Budgets wandern in den vermeintlich riesigen Creative Europe-Topf; die Musik macht wiederum nur einen kleinen Teil davon aus.

Doch die Kultur als Anhängsel oder geradezu als Luxus zu sehen, wie das die Politik so gerne tut, ist ein schwerer Fehler. In Brüssel gab es dazu schöne Bilder: In einer Forschungsarbeit präsentierten Virgo Sillamaa und Frank Kimenai von der Universität Rotterdam die Musikökonomie als äußerst komplexes Gebilde und wählten die Natur als passende Metapher. Das Sicht- bzw Hörbare, die Musik von der wir reden, das mögen vielleicht einzelne Bäume im Wald sein. Doch unter der Oberfläche ist das weit verzweigte Netz der Bäume, Pilze und Flechten vital für das gesamte Ökosystem und Leben – das, was sprichwörtlich alles zusammenhält.

In der Musikwirtschaft diskutieren wir zwar oft über die Bäume, vielleicht sogar nur über Früchte, aber selten über den Wald, schlussfolgerten sie. Sie haben Recht. Eine erfolgreiche lokale Musikökonomie hat viele Komponenten. Richtig gedacht ist sie aber deutlich mehr als diese eine erfolgreiche Band, die man bei Preisverleihungen ehren und stolz international herzeigen kann. Das, nämlich, wäre im Idealfall nur der Staubzucker auf der Glasur des Kuchens.

Die Frage, die mir mit am häufigsten gestellt wird, ist, wie wir mehr solche Erfolgsbeispiele „erzeugen“ können. Und für die Beantwortung dieser Frage müssen wir tief in den Wald: Musik ist fraglos in all unsere Leben tief implementiert. Nehmen wir ein paar Beispiele, die nicht als erste kommen, wenn man dieses Statement hinterfragt.

Gestern war ich auf einer Familienfeier. Der 85. Geburtstag der Befeierten wurde untermalt vom lokalen Chor, dem sie jahrzehntelang angehört hatte. Das rührte alle zu Tränen, denn die Musik war für sie seit jeher ein wichtiges Ausdrucksmittel, gemeinsame kreative Beschäftigung mit Freund:innen, Therapie.

In der Demenzforschung hat man festgestellt, dass Musik einen wesentlichen Beitrag zum Erhalt kognitiver Fähigkeiten spielt; vom positiven Effekt von Mozart-Konsum im Babybauch bis zur Linderung von Alzheimer-Symptomen gibt es ähnlich positive Erkenntnisse.

Im Bildungswesen wird Musik gerne als lustiges Blockflötenlernen als Hinterbänkler im Wichtigkeitenranking abgespeist. Dabei zeigt die Forschung, dass aktives Musizieren Kreativität und Problemlösungskompetenz in hohem Maße fördert und gerade junge Menschen vermutlich deutlich mehr davon haben, als auswendig gelernte Texte, die ihre Eltern aus Wikipedia-Artikeln abgeschrieben haben, vorzubeten.

In all diesen Formen wird der wahre Wert der Musik zwar grundsätzlich anerkannt, aber nie einer politischen Ordnung zugerechnet. Man nimmt es eher als autark oder vom Kulturbegriff unabhängig wahr. Dabei ist genau das Kultur im allerbesten Sinne: Das, was wir sind und was wir tun; Kultur ist die Ursuppe jedes Lebens – und nicht (nur) die Salzburger Festspiele, das Staatsopernballett oder das Burgtheater. Und ja: Deshalb erhalten (auch) diese Institutionen viel Geld.

Sparen wir bei der Kulturförderung, entziehen wir dem Wald den Regen. Wir werden es vielleicht nicht gleich merken, aber mittelfristig großen Schaden damit anrichten. Und in einem kaputten Wald werden weder Früchte zum Verteilen debattiert werden müssen, noch Bäume als stolze Zeichen eines gemeinsamen Lebensraumes fungieren.

Das Thema würde Bücher füllen. Eines möchte ich an dieser Stelle explizit empfehlen: Mein alter Freund Shain Shapiro, der auch in Brüssel zugegen war, hat „This Must Be The Place“ geschrieben, in dem er die Musikökonomie in diesem großen, gesamtheitlichen Zusammenhang erklärt und klar verständlich darlegt, wie Musik jeder Gemeinde oder Stadt mit einfachsten Mitteln einen klaren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Mehrwert bringen kann. Jeder politisch denkende Mensch sollte es gelesen haben.

In Österreich wird gegenwärtig an einer Studie des Musikwirtschaftssektors gearbeitet. Die Resultate werden nach langer Zeit zum ersten Mal zeigen helfen, wie weitereichend die Musik ökonomisch wirkt – und vermutlich, wie dramatisch unterschätzt sie dabei wird. Musik ist ein Grundnahrungsmittel für jede Gesellschaft. Und als solches sollte sie verstanden werden, nicht als Luxusprodukt einer wohlhabenden Ökonomie.


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Kommentare

Eine Antwort zu „Wir denken Musik vom falschen Ende.”.

  1. Avatar von Martin Kulle
    Martin Kulle

    Eine humane Welt ohne Musik, würde es nicht geben. Ich bin Bj. 1960 und höre Musik heute noch auf Vinyl Schallplatten, aber bedauere zutiefst, dass es in meiner Jugendzeit kein YouTube oder Spotify gab. Vielleicht ist es auch gut so, denn hätten wir so ein Medium besessen, wir wären total durchgedreht. Fazit: Förderungen in Musik, kann es nie genug geben.
    Nur das Beste, Martin

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