Zyklische Trägheit.

Draußen scheint die Sonne und die ersten Bäume beginnen zu blühen: Die Natur startet eine neue Runde. Und wie die Natur scheint auch die Wirtschaft ihre Zyklen zu haben. Bestimmte Muster scheinen sich zu wiederholen, oder zu reimen, wie es so schön über die Geschichte im Allgemeinen heißt.

Im Besonderen lässt sich eine Art Faustregel definieren: Immer, wenn eine Industrie besonders boomt und fast unverschämt erfolgreich wird, wird sie von innen heraus faul, morsch und träge. Ironischerweise scheint es nämlich so, dass ein Überfluss an Gewinnen dazu führt, dass die Verantwortlichen einfach noch mehr davon haben wollen, statt klug und nachhaltig in die Zukunft zu investieren. In der politischen Ökonomie ist der berühmte „Trickle-Down“-Effekt, von dem konservative Think Tanks gerne träumen, gut erforscht und mit harten Zahlen als Nonsens entlarvt. Der so gut und logisch klingenden Mär tut das jedoch in diesen Kreisen wenig Abbruch.

Nun hat die großindustrielle Musikwirtschaft – also primär die drei großen Major-Labels Universal, Sony und Warner und die, die ihnen nacheifern – ein paar richtig fette Jahre hinter sich. Streaming ist eine wahre Goldgrube für große Kataloge geworden. Ihre Stabilität und Perspektive hat Musikrechte zu einem „finanziellen Asset“ gemacht; womit man gar nicht so langsam ins Reich der Finanzspekulation übersiedelt und – wie ich in der Vergangenheit schon öfters angemerkt habe – Musik in ihrem wirtschaftlichen Charakter in die Nähe von Immobilien rückt.

Zuletzt haben sich Universal, Warner, Believe und BMG mit Meldungen überschlagen, trotz Rekordgewinnen teils harte Einsparungen vorzunehmen. Die „lay off culture“ greift um sich; das Optimieren; eine hart pervertierte Form des Großmutter-Spruchs „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“, ist en vogue. Man möchte an die Börse oder die Taschen vorhandener Aktionäre weiter befüllen. Mit teils grotesken Folgen, betrachtet man diese Entwicklung aus den Augen eines kleineren Marktes oder eines „normal“ wirtschaftenden KMU.

Eine Etage tiefer hat sich das völlige Überdrehen des Marktes in den letzten Jahren bereits leise angekündigt. In größeren Märkten haben sich auf Label- und Verlagsebene teils absurde Bieterkriege um Kataloge und Künstler:innen abgespielt. Um sprichwörtlich jeden Preis mussten Marktanteile und – um in der Terminologie zu bleiben – „Immobilien“ angehäuft werden. Da das Geld ja da war, war die eigentliche Arbeit und die Künstler:innen selber völlige Nebensache; es geht nur mehr um das „Haben“. Manche Musikschaffende waren dann oft wie das siebte Weihnachtsgeschenk von links, das am zweiten Weihnachtstag niemand mehr angesehen hat.

All das wirkt grausig vertraut. In den späten 1990ern, den Anfängen meiner Zeit in der Musikwirtschaft, war die Selbstherrlichkeit mancher Plattenbosse am Zenith. Der anschließende Fall entlarvte das als traurigen Hochmut. Ausgelöst wurde der ab 2001 einsetzende Niedergang der Musikwirtschaft aber nicht, wie viele meinen, von Napster. Sondern von eben diesem Hochmut, der die damit aufgezeigten Gefahren, die eigentlich Chancen waren, lächelnd wegwischte. In den 00er-Jahren wurde bald mit immer verzweifelteren bis lächerlichen Methoden gegen den unvermeidbaren Wandel gekämpft. Und erst der Frühling von außen – ausgelöst von Apples Innovationen und später den Streamingdiensten – brachte langsam Erholung.

Nun aber nähern wir uns einem ähnlichen Kipppunkt wie zur Jahrtausendwende. Der Streit zwischen Universal Music und TikTok zeigt schonungslos auf, wie abhängig und faul sich die „Großen“ gemacht haben, wie The Guardian das sehr schön beschreibt. Das blinde Wetten auf einen viralen Erfolg macht die Basisarbeit mit Künstler:innen unattraktiv bis obsolet. Man steigert sich in einen immer schneller drehenden Kreisel; berauscht von der potentiellen, casinoartigen Gewinnmöglichkeit.

Was in einem Klima wie jetzt auf der Strecke bleiben wird, sind ja letztlich nur ein paar individuelle Schicksale auf künstlerische Seite. Hauptsache, der Börsenkurs stimmt.

Der nächste Winter kommt bestimmt.


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